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Authentizität

Werde, der du bist, aber nie sein wirst.


Authentisch sein heißt, diese unsinnige Aufforderung erfolgreich umgesetzt zu haben. Wer geworden ist, was im Bauplan des Schicksals und im Buch des Lebens über ihn eingetragen steht, hat eine Art von Identität, die weit über die hinausgeht, die als Name im Pass eingetragen ist: Individualität, mit sich selbst identisch sein, beim Handeln der Urheber seiner selbst sein, ein Original und keine Kopie.


Das Wort „authentisch“ stammt aus dem Griechischen (authentes) und besaß dort eine kaum geringere Bedeutungsbreite wie in unserer Sprache: Herr, Gewalthaber, Urheber, Ursprung, Echtheit. Im Lateinischen bedeutete das Authenticum die Echtheit von (juristischen) Schriftstücken, denen ein Laie nicht ansehen konnte, ob Schriftstücke wirklich von dem Urheber stammten, der ihren Namen trug. Das Gegenteil von authentisch war also nicht „gefälscht“, sondern „kopiert“.


Authentisch sein heißt nicht, sich als Ideal zu geben, sondern so wie jemand geworden ist. Das aber bedeutet, dass Authentizität kein Wert an sich darstellt, weil das Authentische in unserem Wesen sich in zwei Richtungen ständig verändern kann: geschichtlich und sozial.


Aber was interessiert eigentlich die anderen Menschen, ob einer unter ihnen „authentisch“ sei? Bei der Wahl meines Supermarktes gibt das Angebot und der Preis der Ware den Ausschlag, nicht die Frage, ob die Kassiererin „authentisch“ sei. Ein authentischer Investment-Banker sagt offen, dass er an mein Geld heran will, fehlt es ihm an Authentizität, so versteckt er sich hinter einem verlogenem Gutmenschentum, an das er womöglich selber glaubt. Aber das Ergebnis ist das nämliche: ist mein Geld gut bei ihm angelegt oder nicht. Wann ist es von Vorteil, „authentisch“ zu sein?


Kann ein Schauspieler authentisch sein? Ein Schauspieler, der authentisch ist, könnte also nur sich selber spielen? Nein. Ein Schauspieler kann verschiedene Rollen spielen, und er ist mit sich im Reinen, wenn das Publikum die Rolle, die er spielt, nicht als Rolle empfindet, sondern als Wiedergabe seines Wesens. In dem Maß nun, in dem wir alle ein wenig Schauspieler sein müssen, dementieren wir den Begriff „authentisch“ als „ursprünglich“ oder „echt“. Wir müssen unserer Definition noch etwas hinzufügen. Das Authentische eines Menschen bezieht sich nicht allein auf seine innere Stimmigkeit, sondern die anderen Menschen um ihn herum müssen einen Mehrwert davon beziehen, dass sie einem authentischen Menschen begegnet sind. Ein authentischer Mensch ist etwa „verbindlich“, „glaubwürdig“, also etwas, was die anderen als response reflektieren. Authentizität unterscheidet den guten Schauspieler vom Chamäleon, das zwar die Farben wechseln kann, aber man sieht es dann nicht mehr.


Nehmen wir die Situation eines Bewerbungsgesprächs. Auf der einen Seite des Tisches sitzt der Personalmanager, auf der anderen der Bewerber. Der Bewerber soll authentisch sein: der, der er ist, übersetzt gesagt: er soll die Eigenschaften wirklich haben, die er in seiner Bewerbung versprochen hat zu haben, und die er laut Stellenausschreibung haben sollte. Nun geht es los: Wurde ausgeschrieben, man suche jemanden mit roten Haaren, müsste sich der Bewerber mit blonden Haaren dieselben rot färben und denken wie ein Mensch mit roten Haaren. Dann wäre er authentisch? Nein, sicher nicht, er wäre allenfalls ein mittelmäßiger Schauspieler seiner selbst. Hätte er grüne Haare und würde aber denken wie ein Rothaariger, würde der Personalchef denken: Er ist ein Schauspieler seiner selbst, er ist nicht was wir suchen. Der dritte Fall wäre, dass rote Haare gesucht, echte (nicht gefärbte) rote Haare sich bewerben und der Bewerber rothaarig denkt. Alles passt. Passt wirklich alles? Ein guter Personalcoach würde weitere Fragen stellen, und natürlich gibt es Glück in solchen Situationen, aber es bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück. Welches das ist, wollen wir bei der nächsten Bewerbung sehen. Also: rote Haare gesucht, aber es bewirbt sich ein Mensch mit blauen Haaren, der zunächst auch blauhaarig denkt. Der Personalmanager fragt nun das Naheliegende: Warum haben Sie sich bei uns beworben? Und so lautet die Antwort:


Ich bin ein Mensch, der denkt wie er ist, nicht wie er sein sollte. Ich erledige meine Aufgaben unabhängig davon, welche Haarfarbe Sie suchen. Ich habe kein rot- oder blau- oder grünhaariges Denken, sondern nur Haare in diesen Farben, und wenn Sie nur gleichfarbige Mitarbeiter suchen, dann bekommen Sie Probleme, wenn die Anforderungen an Ihr Unternehmen eines Tages die Farbe wechseln. Ich denke so, wie ich bin, ich kann in jeder Haarfarbe denken. ich kann das deshalb, weil man nicht in Haarfarben denkt, so etwas gibt es nicht.

Dieser Mensch verdient den Job, weil das Unternehmen etwas gelernt hat: Man kann authentisch sein UND die Rollen, die „Farben“ wechseln.


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