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Perfektionismus im Beruf? Manchmal ja. Im Privaten? Eher nicht

Was tun wir eigentlich, wenn wir jemanden einen „Perfektionisten“ nennen? Liegt in der Bezeichnung eine Kritik, eine Ironie, oder eine Bewunderung? Bekritteln wir jemanden, er sei ein Perfektionist, so könnte er sich gelobt fühlen. Oft nennen wir jemanden einen Perfektionisten, weil wir keine sind. Denn ein echter Perfektionist würde selten die Selbstironie aufbringen, sich als einen Perfektionisten zu bezeichnen.


Viele Worte, die mit „ismus“ aufhören, sind verdächtig: Moral ist etwas gutes, Moralismus nicht; radikal sein ist manchmal nötig, Radikalismus nie; Perfektion loben wir, Perfektionismus eher nicht. Was zu einem allesherrschenden Prinzip sich erhebt, drängt andere zur Seite, wird einseitig und daher falsch. In milderer Form gilt das auch für den Perfektionismus, der sich von der Perfektion darin unterscheidet, dass er sie nicht hat, aber so handelt, als hätte er sie. Der Perfektionist lässt den anderen keinen Freiraum. Der Perfektionist antwortet auf die Frage, wie spät es ist, mit der Angabe von Mikrosekunden, wo die Minutengenauigkeit gereicht hätte. Er gießt im strömenden Regen den Garten, denn was er nicht selber tut, ist nur halb getan. Er ist perfekt auch dort, wo andere es nicht erwarten. Insofern ist Perfektionismus immer auch eine soziale Kategorie.


Die größten Kunstwerke der Menschheit stammen von Perfektionisten, Michelangelo, Shakespeare oder Goethe: sie alle sind Perfektionisten ihrer Kunst. Den Tüftler Jeff Bezos hat seine perfekte, anfangs belächelte Logistik zum reichsten Mann der Welt gemacht. Aber Firmen benötigen stets beide Typen: den Überflieger und den Perfektionisten.


Im Wort „Perfektion“ steckt das lateinische „perfectus“: fertiggestellt, vollendet. Den gelungenen, gesunden Perfektionismus erkennen wir am automatischen Handeln, wenn jahrelange Arbeit plötzlich umkehrt in die Meisterschaft souveränen Könnens. Der Meister kann sagen: „nun ist es fertig“, und er kann dann auch mit dem Werk aufhören. Das nennen wir dann „perfekt“.


Eine Firma weiß von diesen geheimen Könnern des übertriebenen Details. Perfektionisten fühlen sich oft unterfordert und übertreiben dann in der Form ihrer Arbeit, was sie an Inhalt vermissen lässt. Perfektionisten benötigen solche Firmen, zu deren Erfolg eine Haltung gehört, die nichts dem Zufall überlässt, die Risiko vermeidet und das Unvorhergesehene „verplant“, mit einplant.

Im Berufsalltag erwarten wir Perfektion dort, wo wir es mit Zahlen zu tun haben. Sie müssen genau stimmen, nicht ungefähr. An Perfektionismus litte ein Mitarbeiter, der mehr tut, als von ihm erwartet wird, und dadurch etwa Termine versäumt. Perfektionismus kann auf eine Formel gebracht werden, die stets eine Unbekannte enthält, die sich der Berechnung entzieht: es ist die Angst. Sie eigentlich macht den Unterschied zur Perfektion. Perfektionismus minus Angst ist gleich Perfektion, würde ein bekennender Perfektionist sagen.

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"WORKATION"

mit Annelie & Annika

Folge #02 "Unser Perfektionismus macht Urlaub und wir kommen ins TUN"


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